Sunday, bloody Sunday

ballhausDas Ballhaus ist in Berlin-Spandau eine legendäre Institution. Generationen haben dort ihre Jugend gelebt. Donnerstag war Ballhaus-Tag.

Laut, verraucht, voll. Schüler des Bezirks aller Couleur versammelten sich dort und machten jede Woche Party. Unser Credo war:

Wir sind frei, ungezwungen, überschreiten Grenzen, uns steht die Welt offen, liegt uns zu Füßen, alles ist möglich, erlebbar. Auch wenn jeder für sich ist, unterschiedliche Ziele und Ansichten hat, sich in unterschiedlichen Kreisen bewegt, beim Feiern sind wir eine Gemeinschaft.

Der Freitag war dann entsprechend lau, in der Schule kämpfte man noch mit den tauben Ohren, der kratzigen Kehle vom Anschreien und Alkohol und dem wenigen Schlaf, den man die Nacht zuvor hatte.

Die Erlebnisse dieser Zeit brannten sich, wie sich zeigte, über Jahrzehnte ins Gedächtnis und ins Herz ein und hinterließen Erinnerungen und Gefühle, die man allein bei dem Gedanken an das Ballhaus in einem gemeinsamen Gespräch über die „alten Zeiten“ jederzeit auf Knopfdruck abrufen kann.

Auch nach Beendigung der Schullaufbahn traf man sich noch einige Jahre lang an bestimten Tagen dort, holte sich das bißchen Narrenfreiheit der Jugend für einige wenige Stunden zurück und tanzte wieder wild zu den alten Rockklassikern.

Irgendwann wurden die Besuche weniger. Die Anzahl der Eheschließungen, Kinder, Häuserbaus, Lebensversicherungen, Pauschalurlaube, Zweit-Wagens etc. stieg dafür wohl proportional an. Irgendwann waren wir zu alt oder zu gesettled und im jetztigen Leben zu angekommen, um einem anderen Lebensabschnitt nachzuhängen.

Dazu passte, dass das Ballhaus Spandau vorübergehend schloss. Aus. Finito. Kein Pogo mehr der jungen Kerle und der alten, die stets versuchten, mitzuhalten. Das schockte mich etwas. Es fühlte sich tatsächlich so an, als sei ein Stück meiner Wurzeln weg. Auch wenn der letzte Ballhaus-Besuch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, her war: Allein der Möglichkeit beraubt zu sein, war ein irritierender Umstand und zeigte auf, dass Zeiten sich ändern.

In diesem Jahr eröffnete das Ballhaus wieder und in diesem Jahr jährte sich unser Abitur zum 30sten Mal. Dank eines engagierten Mitschülers, der über sämtliche Kanäle das Abitreffen im Ballhaus Spandau veröffentlichte, konnten wir uns für einige Stunden ein Stück Jugend zurück holen. Die neuen Eigentümer haben sich vor 30 Jahren im Ballhaus Spandau kennengelernt und für uns den Laden zwei Stunden vor der regulären Zeit eröffnet. Damit wir uns wieder erkennen. 30 Jahre!

Da standen wir nun. Wir hatten bereits das 10jährige im Ballhaus und auch das 20jährige an anderer Stelle gefeiert,  und wie bei diesen Treffen auch, war es einfach eine wahnsinnige Freude, Menschen wieder zu sehen, mit denen man eine so wichtige Etappe seines Lebens verbracht hat. Dabei ist es vollkommen egal, ob man damals viel, wenig, oder auch gar nichts miteinander zu tun hatte.

Es ist egal, dass man sich am nächsten Tag nichts mehr zu sagen hätte, sich vielleicht schrecklich oder langweilig oder nervg fände. Es zählt nicht, dass jeder sein mehr oder weniger aufregendes, langweiliges, eingefahrenes oder im Aufbruch befindliches Leben hat, das so ganz anders oder auch genauso verlaufen ist, wie es sich jeder vorstellte.

Ob Ehen mittlerweile wieder geschieden, Kinder schon aus dem Haus oder gerade in der Phase sind, in der wir vor 30 Jahren waren, ob das Haus abbezahlt, der Job langweilig oder spannend ist. Vollkommen unwichtig an diesem Abend.

Dieser Abend ist dafür da, sich für ein paar Stunden die Jugend zurück zu holen, egal wie glücklich, wohl, unwohl, verzweifelt man in seinem jetzigen Leben auch sein mag –  wenn U2s „Sunday, bloody Sunday“ ertönt, und wir Dinosaurier die Bühne einnehmen, tanzen, mitgrölen, uns in den Armen liegen, dann ist es wieder da:

Wir sind frei, ungezwungen, überschreiten Grenzen, uns steht die Welt offen, liegt uns zu Füßen, alles ist möglich, erlebbar. Auch wenn jeder für sich ist, unterschiedliche Ziele und Ansichten hat, sich in unterschiedlichen Kreisen bewegt, beim Feiern sind wir eine Gemeinschaft.

(Da wir und auch das Ballhaus bei allem Durchhaltevermögen ja nicht jünger werden, nehmen wir uns den nächsten Ausflug in die Jugend bereits in fünf Jahren vor.)

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