Glücksgefühle retard

Lichtermauer09.11.1989
Ich sitze in Spandau in einem Einfamilienhaus. Aus Lichterfelde bin ich zu einem guten Freund gefahren, um mich auszuweinen, denn für mich ist gerade (m)eine Welt eingestürzt: Meine langjährige Jugendliebe hat sich von mir getrennt und für mich, 23, ist das in diesem Moment der absolute Obergau. Denke ich doch damals noch, die Liebe meines Lebens zu verlieren, bin planlos, weil ich plötzlich aus der gemeinsamen Wohung raus muss, keine Perspektive sehe,  etc.

Mein guter Kumpel kann nicht viel sagen und ist etwas überfordert mit meinem -für mich untypischen- Verzweiflungsgehabe. Rias 1 erlöst uns: Die Mauer ist auf!, ertönt es aus dem Sender. Unser Gespräch stockt, meine Tränen versiegen schlagartig. Ungläubig schauen wir uns an. WOW. Wie bitte, das gibt’s ja gar nicht. Mein Trennungsschmerz ist vergessen, Großes steht an!

Natürlich haben wir in der Schule gelernt, Bonn ist nur vorübergehend Hauptstadt der BRD, bis unser Land wieder vereinigt ist. Aber, ganz ehrlich, welcher Schüler hat damals tatsächlich geglaubt, es gäbe jemals wieder ein wiedervereinigtes Deutschland?

Für uns war es normal, Rad zu fahren und plötzlich führte die Straße nicht mehr weiter, man stand an der Mauer. Drüben die DDR. Als ich Kind war, winkten wir den Volkspolizisten von einer Brücke aus auf der anderen Seite zu, oft winkten sie zurück. Leid taten mir die Hunde, die an langen Kettenleinen den Grenzstreifen auf und ab liefen. Wir hatten alles, vermissten nichts.

Westdeutsche Freunde, die zu Besuch kamen, wurden ans Brandenburger Tor geführt, und fuhren mit der Erkenntnis, sich nicht vorstellen zu können, so eingesperrt zu leben. Ich selbst hatte 23 Jahre nie das Gefühl, eingeperrt zu sein, in einer Art goldenem Käfig zu leben.

Mein Kumpel und ich beenden diesen Abend mit verschiedenen Erkenntnissen: Eine Trennung kann auch ein Neuanfang sein, die Wiedervereinigung ist es definitiv. Beides wird Zeit dauern, beides wird Anstrengungen erfordern.

9.11.1999
Ach ja, zehn Jahre Mauerfall. So lange schon…

Gleich nach der Wende erlebe ich, dass West-Berlin tatsächlich eine Art goldener Käfig war und wie „eingesperrt“ wir West-Berliner lebten. Radtouren ins Umland, Chloster Chorin, die wunderbare Natur, die man direkt vor der Tür hatte, aber nie sehen konnte. Die beeindruckenden Ostseeküsten in Mecklenburg-Vorpommern…Spazieren auf der Steilküste in Ahrenshoop…unvergessen unsere Ravioli, die wir mit dem Campingkocher auf der Steilküste sitzend aufwärmen und wie ein 3* Menü genießen. Ich frage mich jedoch nicht, wie ich 23 Jahre auf all das verzichten konnte. Was man nicht kennt, vermisst man nicht. Und nun, zehn Jahre später, ist diese räumliche Freiheit einfach auch schon wieder selbstverständlich.

Ich habe jedoch keinen Kopf für Jubiläen oder die Frage, ob die Mauer in den Köpfen noch existiert. Nebenan schreit mein kleiner Engel. Vollkommen übermüdet bin ich damit beschäftigt, mein Leben neu zu ordnen. Gerade Mutter geworden, den Lebensplan wieder neu schmieden, ein Leben als Alleinerziehende. Wieder ein neuer Anfang. Es geht immer weiter, irgendwie.

9.11.2014
25 Jahre Mauerfall. Die letzten Jahre bin ich sentimenaler geworden. Wohl, weil ich es mir leisten kann, wahrscheinlich, weil es mir so gut geht. Bilder in den Medien vom Mauerfall lassen mich demütig und dankbar werden, Gänsehaut. Demütig und dankbar, zu einer Generation zu gehören, die diese Wiedervereinigung erleben durfte. Ohne Krieg lebt. Ohne Mangel. Ohne wirkliches Leid.

Gestern lief ich mit dem besten Ehe-Mann der Welt den Weg vom Potsdamer Platz zum Hauptbahnhof, immer an der Lichter-Mauer lang…Die Atmosphäre: friedlich, vereinend, erinnernd, inspirierend… die Leute reden miteinander: Wo warst du am 9.11.1989? …An Videoleinwänden werden die Geschichten der Lichterpaten erzählt und Applaus brandet auf. Wir sind ein Volk. Und unsere Touristen gleichfalls! Wir sind angekommen. Ich auch.

Heute fährt meine 15jährige Tochter zum Potsdamer Platz, um die Ballons steigen zu sehen. „Mama, für uns ist das vollkommen unwichtig, welcher Bezirk Ost-Berlin und welcher West-Berlin war. Wir kennen nur ein Berlin“.

Gratulation. Die Mauer ist weg. Und wieder bin ich dankbar und demütig, dies erleben zu dürfen.

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2 Gedanken zu „Glücksgefühle retard

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